Sigiriya und Pidurangala (Sri Lanka 2015)

Einst ein Löwenfelsen, heute eher ein Pavianfelsen

Die Legende vom Bastardkönig

Ich schätze, der Anblick des Felsens Sigiriya außerhalb von Dambulla, Wahrzeichen des Inselparadieses Sri Lanka, ist etwas, woran man sich nie ganz gewöhnt. 200 Meter ragt der steinerne Pilz aus dem saftiggrünen Dschungel in die Höhe und stellt in der Binnenlandebene einen unverwechselbaren Orientierungspunkt dar. Das rotschwarze Ungetüm mit dem grün bewachsenen Dach wäre allein als Naturmonument schon die Anreise wert. Und unnötig zu erwähnen, dass die Aussicht von da oben sagenhaft ist.

Doch was den Löwenfelsen noch viel wertvoller macht, ist die reichhaltige Kultur, die ihn von den Gärten bis zum Plateu umgibt. Die wunderschönen Fresken in einer Höhle auf halber Höhe. Die Pfoten des einstigen Löwentors. Und die Reste der Zitadelle ganz oben. Nur, wenn man dran denkt, dass es vor 1600 Jahren noch keine Metalltreppe auf den Berg gab, wer wer dann so verzweifelt, dass er Material für eine ganze Festung hier rauf schleppen ließ?

Im fünften Jahrhundert westlicher Zeitrechnung besaß der König Sri Lankas mindestens zwei Söhne. Den ersten mit seiner Gemahlin und einen mit einer Nebenfrau. Muss ich erwähnen, wer Thronfolger werden sollte? Den zweiten Sohn, Kassapa, erzürnte dies. Kassapa strebte danach, anstelle seines Halbruders den Thron zu besteigen. Er zettelte im Palast eine Intrige an, die mit der Gefangennahme und Hinrichtung seines Königs und Vaters endete. Der wahre Thronerbe musste ins Exil nach Indien übersetzen. Kassapa war nun König von Sri Lanka, aber er fürchtete den Zorn seines Halbbruders, sollte dieser heimkehren und der Königssitz in Anuradhpura wäre gegen eine Armee verwundbar. Deshalb und weil ihn auch sonst keiner mochte, nahm Kassapa sein Gefolge und verlegte die Hauptstadt auf den Sigiriya-Felsen mitten im Dschungel. Keine Armee könnte den 200 Meter hohen Giganten je erobern. Riesige Sammelbecken sollten das Wasser auffangen, um auch eine Belagerung auszuhalten.

Zisternen des Königspalastes

18 Jahre vergingen und der Usurpator stand auf seinem Felsen und genoss die Rundumaussicht über die Ebene. Doch er tat dies mit der Angst, eines Tages den Staub heranziehender Legionen zu erblicken. Was letztendlich auch geschah. Der wahre König war nach Hause zurückgekehrt und er hatte seine Verbündeten aus Südindien mitgebracht.

Kassapa verließ mit seinen Soldaten Sigiriya und ließ seine Armee auf den Ebenen um den Felsen Stellung beziehen. Die Schlacht der Halbbrüder begann. Schließlich brach Chaos in Kassapas Reihen aus und seine Kriegselefanten rannten in alle Richtungen davon. Der Kampf war verloren und der Bastardkönig richtete sich mit seinem eigenen Schwert. Der neue König stellte die Ordnung wieder her, als er Anuradhpura erneut zur Hauptstadt ausrief. Die Zitadelle auf dem Löwenfelsen wurde dem Verfall überlassen.

Was ist Sigiriya heute?

Der beeindruckendste und nervenaufreibendste Platz in Sri Lanka.

Als erwähntes Wahrzeichen der Insel genießt der Löwenfelsen den höchsten Attraktionsstatus und das spiegelt der unverschämte Eintrittspreis wieder. Bekommt man in Sri Lanka sonst so ziemlich alles für 1-5 Euro (das Elefanten-Waisenhaus kann man umgehen und die Tiere gratis sehen, aber das ist ne andere Story), zahlt man für den Felsen das 10fache, zu meiner Zeit 2015 31 Euro. Etwa so viel wie für das Empire State Building.

Der Weg beginnt über die lange gerade Straße durch die Lustgärten. Wenn man Glück hat, schaukeln die Bäume besetzt durch Hutaffen hin und her. Definitiv hat man von dieser Straße den Stand für ein Totalfoto von Sigiriya. Langsam beginnt der Aufstieg über uralte, gewundene Steintreppen, durch Gemäuer und Felsdurchlässe. Hab ich erwähnt, dass man nicht allein ist? Niemals, nicht beim Foto, nicht auf den Treppen. Ein kleiner Junge vor mir lässt sich fallen wie ein Sack Ceylontee und seine Eltern ziehen ihn hinter sich her. Wir haben 10 Meter von 200 geschafft…

Es wird schattiger unter dem Felsen. Die Treppen werden steiler und zu Metallwendeltreppen. Ein Laufkäfig auf halber Strecke entlang der überhängenden Felswand. Kein fester Boden mehr. Hier findet ihr sie. Die Wolkenmädchen.

Zweck und Herkunft dieser barbusigen Mädchen stellen auch weiterhin ein Rätsel dar. Einst soll es 500 davon gegeben haben, doch manch ein Fanatiker hat sie noch im letzten Jahrhundert irreparabel beschädigt und nur 22 konnten restauriert werden. Zu diesen Fotos oben muss ich sagen, dass die 2015 gemacht wurden und 2017 ein sehr strenges Fotoverbot erlassen würde, ich hab also diesbezüglich kein schlechtes Gewissen.

Wenn man weiter aufsteigt, kommt man zum Vorplatz des Löwentors, macht eine kurze Rast und beginnt dann die letzte Etappe. Furchteinflößender als die Pranken ist nur die Stahlstiege, die unter dem Gewicht der Touristen schaukelt. Und dann hat man es geschafft. Schweißtreibend sinkt man auf einer der alten Festungsmauern zu Boden. Man muss wohl zu Atem kommen, bevor man die Ruinen und vor allem die fantastische Aussicht voll genießen kann. Es ist nicht einfach, den perfekten Spot für sein großes Foto zu finden, aber ganz sicher ist er nicht oben auf dem höchsten Sockel, der von den Gästen pausenlos belagert wird. An der Südseite (das ist die weg vom Löwentor liegende Schmalseite) hab ich diese Stelle bei einer kleinen Stufe gefunden, von der aus man nicht nur die Ebene im Fokus hat, sondern auch die umliegenden Seen. Soweit ich weiß, war es auch einer der wenigen Orte auf dem Plateu, wo man ein bisschen Ruhe vor den Busladungen von Besuchern hat, zumindest hatte ich das Glück.

König Kassapa war ein mieser Kerl, aber er verstand was von Immobilien.

Die Alternative: Aufstieg Pidurangala

Unterhalb des Löwentors gibt es bei meinem Abstieg einen Überfall. Weißrote Hutaffen flitzen über die Mauern und Stahlkonstruktionen, die Teil des Laufkäfigs sind. Doch sie sind nicht beschäftigt genug. Sobald sie etwas sehen, was interessant aussieht, sind die Touristen leichte Opfer. Ein aus dem Rucksack hängendes Tütchen? Meins. Eine glitzernde Wasserflasche in der Seitentasche? Der Zoo bedankt sich. Es endet immer mit einem Aufschrei der Besucher und der erschreckten Flucht der Affen zurück in die Unerreichbarkeit auf den Gerüsten. Lotusblüten sind für die Katzenminze.

Als ich den Felsen hinter mir lasse, bin ich zwiegespalten und bis heute hab ich keine Antwort darauf, ob Sigiriya den Eintritt wert ist. Entscheidet selbst. Und wenn ihr es partou nicht bezahlen wollt, findet ihr 500 Meter weiter ein Trostpflaster.

Vom Haupteingang entfernt ist es nur ein kurzer Spaziergang in der feuchten Luft nach Norden durch den Wald, bis man zu einem Klösterchen kommt, bei dem man den geringeren Eintritt entrichtet. Dahinter beginnen gleich die krummen Stufen, die sich langsam um den Berg nach oben winden. Festes Schuhwerk ist hier genauso erforderlich wie beim Sigiriya, aber der Unterschied war für mich an dem Tag, dass ich all das für mich allein hatte. Niemand, der den dicken Pilz bezwungen hatte, kam danach noch hierher.

Auf Fresken und Löwenpfoten muss man beim Aufstieg allerdings verzichten, kann sich aber freuen, wenn man nach den krummen Stufen zu einem kleinen Überhang kommt. In einer der zwei Höhlen schläft seit Äonen ein riesiger friedlicher Buddha. Danach wird der Aufweg zunächst sanfter, verliert sich aber auf den letzten Metern zum Gipfel in einer kleinen Duck- und Kletterpartie. Nichts schweres, einmal Kopf einziehen und zweimal strecken, schon erklimmt man den sanft geneigten Gipfelblock und genießt von hier aus einen sagenhaften Blick auf das Umland und die Ameisenkarawane, die sich gegenüber den Löwenfelsen hochschiebt. In meinem Fall auch das Unwetter, das sich über die Ebene abzeichnet. Die nordöstliche Regenzeit (Sri Lanka hat zwei) naht und sowas sollte man ernst nehmen.

Two Rocks, one Pic

Auch wenn der Aufenthalt auf Pidurangala kurz ausfällt, hat mir diese kleine Tour immer mehr bedeutet als die zum großen Bruder nebenan. Zufrieden fahr ich zurück nach Dambulla und blick von der Terrasse beim Höhlentempel noch lange auf die zwei ungleichen Nachbarn, die aus dem Grün der Ebene ragen.

Ein Baum voller reifer Affen (Hanuman-Languren) zum Abschluss geht immer 😉

Im Land der Lakota (South Dakota, USA 2011)

Aufstieg zum Präsidenten

Kaum eine Gegend vermiss ich so sehr auf der Welt wie die Black Hills und kaum eine erscheint mir unerreichbarer zu sein. Ist eigentlich Quatsch, denn sie liegen ja nicht in Alaska, sondern im mittleren Westen. Trotzdem hat mich die Fahrt dahin mit dem Bus von Chicago aus fast den letzten Nerv gekostet. 23 Stunden Fahrt durchs Ödland, enge Sitze, Beef Jerkey zum Kauen und draußen nur den ganzen Tag das braune Gras der Great Plains zum anglotzen. Damals konnte man sich noch keine Playlists oder Serien aufs Handy laden, jedenfalls nicht auf meins. Als sich am Horizont die Hügel als graue Schatten zeichneten, ließ ich mich erleichtert fallen.

Wie in „Der mit dem Wolf tanzt“ zu sehen, sind die Hills wirklich das heilige Land der Lakota-Sioux, aber dann wurden George, Thomas, Theodore und Abraham 1941 in den heiligen Berg dieses Stammes gemeißelt. Die Streitigkeiten um Gebietsansprüche halten an und reichen von Gerichtsverhandlungen zu Besetzungen des Monuments hin zum Versuch, ein eigenes Monument zu erschaffen, den reitenden Häuptling „Crazy Horse“ (und auch dieser Bau ist A umstritten und wird B frühestens im 22. Jahrhundert fertig).

Mount Rushmore und die Erinnerung an Wild Bill Hickok und seinen Wilden Westen haben aus den Black Hills einen Themenpark gemacht. Die Dampfeisenbahn hört man im ganzen Tal hupen und schnauben, auf der Main Street und in den Saloons wird mit Platzpatronen geballert und Familien mit Kleinkindern schieben sich durch alte Goldstollen ohne Rücksicht darauf, dass Kinder darin leicht Angst bekommen und anfangen, zu weinen.

Und trotz des Disneyland-Flairs haben die Hills einen festen Platz in meinem Herzen. Es ist die frische Luft, die einem tief in die Lunge geht, sobald man aus dem Dorf raus in die Nadelwälder tritt. Es ist der Hirsch, der mir auf dem Rückweg vom Rushmore aus dem hohen Gras direkt vor die Füße sprang. Es sind die glasklaren Bäche, aus denen man trinken kann und der blaue Sylvann Lake, so idyllisch unter einer Felswand gelegen, dass ich beim Umrunden anfing, die Melodie von Winnetou zu pfeifen. Schlussendlich sind es die Kletterfelsen und Berge wie der Black Elk Peak (höchster Berg östlich der Rockys), von dem aus man angeblich in jeder Richtung einen anderen Bundesstaat sehen kann.

Sylvan Lake

Wenn man durch die Wälder streift, nur ein paar 100 Meter weg von Westernstadt und Badesee, scheint alles andere unwichtig zu werden. Nur der Felsen da hinten wird interessant, vielleicht kann ich von da oben besser sehen. Obs dort Pumas gibt? Nur ein paar Kilometer durch den Custer State Park, die Flasche am Bach gefüllt und es ging über ein paar Treppen auf das Plateu des B.E. Peak, wo einem alle Hills zu Füßen liegen und man im Osten wieder bis zu den Great Plains blicken kann. Es war keine rekordverdächtige Bergwanderung, aber zwischen diesem strahlend blauen Himmel und dem schwarzgrün der Wälder unter mir atmen zu können, zählt für mich zu den schönsten Momenten meiner USA-Reise. Rasch hatte ich die Zeit vergessen und war plötzlich der letzte, der heute vom Peak abstieg. Der Weg zurück durch den Wald war lang, verdunkelte sich bald und ich musste mich sputen, um mit dem letzten Licht wieder am Sylvan Lake zu sein.

Melancholischer Abstieg vom Black Elk Peak (damals noch Harney Peak).

Ich und die Hills, das war eine zu kurze Geschichte. Viel zu schnell nach 4 Tagen ging damals im heißen Juli 2011 die Reise weiter Richtung Colorado und die Rocky Mountains. Ob ich dahin zurückkomme? Unwahrscheinlich, aber schön wärs. Es gibt noch so viel mehr dort zu entdecken. Die Badlands. Die Windy Cave. Bisons. Ich hab sie kaum gekannt und krieg sie doch nie wieder aus dem Kopf…